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                                           Leseproben  Mord am Kirchberg

Ein Unfall?
Mutmaßungen
Bedrohungen

Ein Unfall?

 Kurz vor zwölf. Ruth Bergmann eilte durch die Tischreihen im großen Speisesaal zu ihrem Dreiertisch im Hintergrund. Kronleuchter und Sonnenstrahlen konkurrierten miteinander, um auch den letzten Winkel des Raumes zu erhellen. Die Gespräche an den meisten der fast dreißig Tische waren lebhaft. Serviert wurde ab zwölf Uhr, pünktlich. Ein ganz normaler Tag in der Seniorenresidenz am Kirchberg.
Eine gewisse Unruhe ging durch den Raum. Flüsternde Stimmen in Ruths Rücken, einzelne Worte: „Tod“, nichts Ungewöhnliches, „Unfall“, schon eher, „Treppensturz“, na und. 
Die Welle ebbte ab.
„Frau Klunemeier, vom Sechsten“, trompetete vom übernächsten Tisch Herr Urban. „Auf der Pflegestation gestorben. Notarzt. Polizei.“ Kurzfassung eines Lebensendes.
Also Frau Klunemeier, dachte Ruth. Eine der wenigen Bewohnerinnen, die sie ein bisschen näher kennengelernt hatte in den wenigen Monaten, die sie im Haus wohnte. Der Nachtisch schmeckte ihr nicht mehr. Keine lockeren Gespräche mehr. Ihre Tischnachbarinnen, Frau Gerlach, weiße Haare zu einem rosigen Gesicht, und Frau Müller, blond zu strengen Zügen, kannten Frau Klunemeier länger, eine der glänzenderen Erscheinungen im Haus.
Ruths Blicke wanderten zu den Bäumen vor den großen Fenstern: noch im Winterschlaf, aber voll Hoffnung auf den Frühling. Ein leichter Hauch von Grün. In einiger Entfernung Autos auf der Straße, die irgendwann zur Autobahn führte. Man lebte im Grünen, am Fuß des Kirchbergs, hatte aber Anbindung an die Welt.

 Am Aufzug gab es kein anderes Thema. Stichwort: Polizei. Alles andere war normal. Die Sensationslust überwog die Trauer bei weitem. Der Gewöhnungseffekt in einem Haus voller alter Menschen. Auch wenn man elegantere Bezeichnungen für uns hat, wir sind alte Menschen, dachte Ruth. So isses.

 Ruth schloss die Korridortür zu ihrer Wohnung auf und legte ihre Tasche auf dem Sekretär in der Diele ab. Sie atmete tief durch und ließ sich in ihren bequemen Sessel im Wohnzimmer fallen. Frau Klunemeier war die erste Tote in diesem Haus, die sie näher gekannt hatte. Es starben immer wieder Hausbewohner, was man daraus ersehen konnte, dass in der Hauspost neue begrüßt wurden.
Ruth hatte ihre Wohnung hier vor einem halben Jahr bezogen und dafür die weit größere in der Innenstadt von Düsseldorf aufgegeben. In ihrem Wohnzimmer war alles wie immer, ringsum die Möbel, die sie seit vielen Jahren begleiteten. Das liebste Stück war der große Sekretär, der schon ihrem Urgroßvater gehört hatte, sämtliche Schubladen voll mit mehr oder weniger überflüssigem Papier. Sie konnte sich schlecht von Schriftstücken trennen. Dem Sekretär gegenüber stand die Vitrine, die ihr Mann Klaus und sie früher einmal für zweihundert Mark gekauft hatten. Ein Schnäppchen. Sie war voll mit den Gläsern und den Porzellanteilen, von denen sie gemeint hatte, dass sie sie unbedingt mitbringen müsse. Bisher hatte sie wenig davon gebraucht, Einladungen zum Kaffee wurden in der Cafeteria unten im Haus begangen. Ruth fühlte sich wohl hier im Haus und in ihrer Wohnung und so sollte es bleiben.

 Sie klappte den Laptop zu, probierte vor dem Dielenspiegel ihre neue rote Jacke an. War mit ihrem Anblick zufrieden: die grauen Haare kurz geschnitten, die Falten bildeten eine fröhliche Einheit, ihr Mund lächelte ihr zu. Die kleinen Fettpölsterchen ließen sich mit Kleidung gut überspielen. Leider hatte sie mit den Jahren ein paar Zentimeter an Länge verloren, nur noch knapp einen Meter siebzig hatte die letzte Messung in der Arztpraxis ergeben.
Ruth strich mit beiden Händen die Haare streng nach hinten, es hatte was von „Auf in den Kampf“. Sie wollte in die Pflegeabteilung gehen, um sich nach den letzten Stunden von Frau Klunemeier zu erkundigen. Außerdem wollte sie ihre Neugier befriedigen und endlich einmal die Abteilung kennen lernen, von der leider viel die Rede war.

 Per Aufzug fuhr Ruth ins Erdgeschoss, wo die Ambulante Pflege, so die korrekte Bezeichnung, ihre Räume hatte. Der Gang dorthin war hell und freundlich. Vor den Fenstern auf der linken Seite erstreckte sich eine gepflegte Wiese bis hin zu einer Baumreihe. Dahinter der alte Baumbestand des Parks, der das Haus umgab. Die Wände waren, wie überall im Haus, mit Drucken bekannter Werke geschmückt. Hier wüteten die Expressionisten. Die Tür am Ende des Ganges stand offen.

 „Guten Tag, meine Damen“, sagte Ruth so artig, wie sie konnte. Ihr standen je nach Erfordernis mehrere Tonlagen zur Verfügung.
„Ich war mit Frau Klunemeier befreundet und ich möchte so gern etwas über ihre letzten Stunden erfahren.“
„Kann ich verstehen“, meinte Schwester Gabi und rang die Hände, „ganz schlimmer Fall, stundenlang hilflos auf der kalten Steintreppe gelegen, konnte keine Hilfe rufen. War bewusstlos.“ Schwester Gabi schluckte und seufzte. Hatte der Tod von Frau Klunemeier sie so mitgenommen? „Als sie in unsere Abteilung gebracht wurde, konnte sie noch ein paar Worte sprechen. Leider hat man sie nicht verstanden.“
„Ja, so was wie „beweisen“ hab ich gehört, dann hat sie aber nur noch geröchelt“, ergänzte Schwester Ulla und knöpfte den letzten Knopf ihres weißen Kittels zu. „Dann kam der Notarzt mit seiner Truppe und schickte alle raus. In diesem Augenblick muss sie gestorben sein.“
„Ich war da schon nebenan an meinem Schreibtisch und hab die Akte Klunemeier gezogen. Die wollen immer wissen, welche Krankheiten vorliegen, Allergien oder andere Auffälligkeiten.“
Gabi war anscheinend so etwas wie die Oberschwester hier, daher der strenge Blick aus grellblauen Augen.
„Sie haben über jeden Bewohner eine Akte?“, fragte Ruth ganz verblüfft. „Sie wissen alles über uns?“
„Alles nicht, aber was ein Arzt wissen muss, doch. Das ist wichtig, wenn es um Minuten geht.“
„Da haben Sie wahrscheinlich Recht. Bei Frau Klunemeier war wohl nichts mehr zu machen?“
„Nein, leider, der Sturz und die Unterkühlung; das lange Liegen auf der kalten Treppe. Das war zu viel. Herzversagen.“
Schwester Ulla, ein nettes Blondchen, fand Ruth, war inzwischen nach nebenan gegangen und kam mit Kaffee für alle zurück. Sie hatten natürlich eine kleine Küche hier unten.
„Jetzt setzen Sie sich erst mal hin und trinken einen Schluck heißen Kaffee. Ich bin Schwester Ulla. So tituliert man uns hier.“
„Ach ja, ich bin Frau Bergmann. Wollte durch den Einzug hier eigentlich gerade so etwas vermeiden. Stürzen und einsam irgendwo liegen.“
Ruth nahm auf einem Stuhl Platz, der leider ziemlich hart war. Vier davon standen um den runden Tisch herum, hier wurden sicher Konferenzen abgehalten, oder Kaffeekränzchen. Jetzt blieben die beiden Schwestern allerdings stehen.
„Das kommt Gott sei Dank total selten vor. Ich kann mich nicht an einen ähnlichen Fall erinnern. Du etwa, Gabi?“
„Nein, so was hab ich noch nicht erlebt“, meinte Gabi kurz und knapp und nahm sich auch eine Tasse Kaffee.
„Wir überlegen aber, was Frau Klunemeier auf der Treppe gemacht hat. Bei ihrem Herzleiden und der Gehbehinderung war sie doch auf den Aufzug angewiesen. Ihr Rollator stand oben an der Treppe!“ Schwester Ulla hatte das Wort ergriffen
Schwester Gabi, auch blond, aber kein nettes Blondchen, wollte Ulla offensichtlich nicht weiter zu Wort kommen lassen und schob sich zwischen Ulla und Ruth.
Aber Schwester Ulla plapperte weiter: „Vielleicht wollte sie sich mit ihrem Liebhaber treffen …“ Sie grinste hinter vorgehaltener Hand.
Ruth staunte, sagte aber nichts, sie wollte nicht als spießig gelten.
„Der Beau Hans-Jürgen. Der kommt gern mal hier vorbei, um ein ‚Käffchen‘ abzustauben“, sagte Gabi und ihre anfangs blassen Wangen röteten sich. „Die Polizei haben wir natürlich verständigt. Aber der Notarzt schrieb Herzversagen und der Blick in die Krankenakte sprach ebenso dafür. Also keine Untersuchung. Was natürlich der Geschäftsführung sehr angenehm ist.“
Gabi hatte an alles gedacht. Vielleicht kamen „Unregelmäßigkeiten“, sprich Unfälle, doch öfter mal vor und das Procedere war bestens bekannt. Alles klar.
„Wo hat man Frau Klunemeier denn gefunden?“
„Auf der Treppe zwischen dem sechsten und dem fünften Stock, gleich neben ihrer Wohnung,“ sagte Gabi.
Ruth musste schlucken, das war in Sichtweite ihrer eigenen Wohnung, der Unfall hatte sich also sozusagen vor ihrer Tür ereignet.
Sie stand von ihrem unbequemen Stuhl auf, brachte ihren lädierten Rücken in eine gerade Position, bedankte sich für den Kaffee, der gar nicht schlecht gewesen war und machte sich auf den Rückweg in ihre Wohnung. Die Pflegeabteilung war längst nicht so gruselig, wie sie gedacht hatte.

 Als Ruth aus dem Aufzug auf ihrer fünften Etage trat, hatte sie die Treppe im Blickfeld. War etwas zu sehen von dem Unglück, das letzte Nacht hier geschehen war? Die Wand sah etwas ramponiert aus. Konnte das beim Sturz passiert sein oder musste die Haustechnik mal wieder renovieren? Warum hatte Frau Klunemeier sich nicht am Geländer festgehalten?

Als sie am späteren Abend ihr leeres Weinglas in die Küche brachte, fiel ihr ein, was Frau Klunemeier ihr vor kurzem, auch bei einem Glas Rotwein, gesagt hatte: „Eine der Schwestern beklaut Patienten.“ Hatte sie Patienten gesagt oder vielleicht Bewohner?  Wer von den beiden unten war denn wohl die Diebin? Gabi sah so aus, als könne man ihr allerhand zutrauen, und dem Blondchen Ulla?

 

Mutmaßungen

Auch am nächsten Tag schien die Sonne, aber dass sie ins Parkhaus fahren musste, nervte Ruth. Früher war sie den Weg zum Café Leysieffer zu Fuß gegangen, sie hatte ja ganz in der Nähe gewohnt. Jetzt musste sie sich auf der Steinstraße ins Parkhaus Sevens begeben wie hundert andere. Aber mit ihrem halben Daimler, dem Smart, hatte sie keine Probleme, einen Platz zu finden.
Munter ging sie die Königsallee entlang und betrat das Café Leysieffer. Unter einem Café auf der Kö tat es Eveline nicht. Eveline, ihre langjährige Freundin, saß schon da und betrachtete sich ungeniert im Spiegel gegenüber.
„Ja, deine Haare sitzen erstklassig und dein Schal passt fantastisch zur Jacke.“
So etwas hörte Eveline gern und Ruth tat ihr ebenso gern den Gefallen, ein kleines Kompliment zu äußern. Sie sah wirklich gut aus trotz ihrer achtundsechzig Lebensjahre. Bei ihr sah man, was hochpreisige Pflege ausrichten kann.
„Du siehst aber auch nicht schlecht aus, ist das Kostüm neu? Sportlich wie immer. Leg deine Jacke über den Stuhl, die Garderobe ist mal wieder überfüllt.“
Ruth nahm Platz, stellte fest, dass sie besser ein Paar andere Schuhe angezogen hätte, diese Sneakers sahen nicht nach Kö-Bummel aus. Sie ärgerte sich aber nur ein bisschen, denn eigentlich war sie daran gewöhnt, neben Eveline unelegant auszusehen. Schlank müsste man sein. Sie erinnerte sich aber mit Vergnügen an den Tag, als sie Eveline auf den Hinweis, sie solle Pumps tragen, geantwortet hatte: Das habe ich nicht nötig, meine Beine sind lang genug.
Eveline war natürlich wieder in Samt und Seide, wie sie das nannte, und ihre Schuhe – keine High Heels aber Pumps. Insgesamt eine chice Brünette.
„Ich hatte gedacht, ich müsse dich heute mal wieder aufheitern“, begann Eveline das Gespräch, nachdem Kaffee und Kuchen auf ihrem kleinen Tisch standen.
„Wie kommst du darauf? Aber eigentlich hast du Recht. Eine Nachbarin, stell dir das vor, ist gestern verunglückt, lag stundenlang hilflos auf der Treppe, direkt vor meiner Wohnung und starb dann in der Pflegeabteilung.“
„Wie ist das denn passiert? Hat sie jemand geschubst?“ Eveline fand so etwas anregend. Sie ruckelte auf ihrem Stuhl hin und her und spitzte ihren kleinen Mund. Leider wurden dabei die leidigen Falten sichtbar.
Ziemlich empört antwortete Ruth: „Geschubst, was stellst du dir vor. Niemand hat eine Ahnung, wie es passiert ist. Sie konnte sich gar nicht mehr äußern. Ist kurz aus der Ohnmacht aufgewacht und dann hat das Herz versagt.“
„Ja, ja, Herzversagen, das sagen sie immer. Stimmt letzten Endes auch. Nur wie es dazu gekommen ist, das will niemand so genau wissen. War sie reich?“
Eveline hatte ihren forschenden Blick eingeschaltet.
„Ja, sie war anscheinend ziemlich wohlhabend. Die Eltern hatten und der verstorbene Ehemann hatte auch. Die Polizei fand übrigens keinen Grund nachzuforschen.
„Hatte sie auch Verwandte? Erben???“
„Eveline!“
„Erbschaften und Erben sind ein hochinteressantes Thema. Da bin ich Fachmann nach so viel Jahren in der Anwaltskanzlei.“
Die hatte ihr geschiedener Mann betrieben, das heißt, er betrieb sie immer noch, nur Eveline war seit langem aus der Kanzlei und aus seinem täglichen Leben geschieden. Was sie aber nicht verbittert hat, sie sprach sehr gut von ihrem Henk.
Ruth lächelte. „Du bist unverbesserlich mit deinem Hang zum Spekulieren.“
„Na, du hast doch selbst auch einen Hang zu Verschwörungstheorien. Halte die Sache im Auge, dann wirst du sehen. Und mir Recht geben. Wart’s ab“, sie guckte rechthaberisch. Ruth schwieg.
Beide schwiegen. Es stimmte, sie hatten die tollsten Ideen gehabt und gekonnt aus einem Floh einen Elefanten und aus einem Elefanten eine Maus gemacht.
Ein knock-knock aus den Tiefen von Ruths Tasche machte der Stille ein Ende und Eveline ergriff wieder das Wort: „Hast du schon wieder dein Handy nicht ausgeschaltet?“
„Muss nicht sein, du bist schließlich die Einzige, die die neue Nummer hat, und du rufst definitiv heute nicht an.“
„Ach, dein neues Handy, warum macht es denn diese Geräusche, wenn niemand anruft? Ist es auch altengerecht?“, frotzelte Eveline und trank ihren letzten Schluck Kaffee aus.
„Na klar, ein Smartphone. Und mit knock-knock kündigen sich irgendwelche Nachrichten an.““
„Und kannst du es bedienen?“
„Natürlich. Ich hab seit zwei Jahren das Tablet, die arbeiten beide auf die gleiche Weise.“
Dazu wollte Eveline nichts weiter wissen, moderne Technik war ihr egal.
„Aber jetzt mal zurück zu der armen Frau, die ihr Sohn die Treppe runtergeschubst hat.“
„Sie hat gar keinen Sohn.“
„Dann war es der Neffe.“
„Keine Ahnung, ob sie einen hat.“
„Dann ist es deine Aufgabe, bis zum nächsten Treffen herauszufinden, ob er sie geschubst hat. Oder wenigstens, ob sie einen Neffen hat, der sie möglicherweise geschubst hat.“
„Eveline!“
„Ja, warum nicht, das bringt Leben in dein ‚abgeschobenes‘ Dasein.“
„Lass das doch. Ich wohne in einer Senioren-Wohnanlage für ältere Menschen mit Ansprüchen! In unserem schönen Haus am Kirchberg.“ Ruth war leicht erbost. Sie betrachtete sich nicht als abgeschoben, von wem auch.
„Klingt wie aus der Werbebroschüre, aber es liegt mir fern, dich zu kränken. Langeweile hast du aber, gib’s zu, und so hast du eine Aufgabe.“
Ruth musste herzlich lachen, da hatte Eveline doch noch einen Dreh gefunden, eine Verärgerung zu vermeiden.
„Langeweile habe ich keine. Ich fahre weiterhin in den Computer-Club nach Gerresheim und betreue meine Neulinge. Und bei uns im Haus gibt es reichlich Ablenkungen der gebildeten Art.“ Ruth grinste. „Aber gut, ich mach’s.“
Sie erhob sich mühsam vom Sofa. Der Rücken. Tapfer ließen sie die Pralinentheke auf dem Weg nach draußen links liegen, der Duft folgte ihnen bis auf die Straße.

„Danke für’s Bringen“, sagte Eveline, als Ruth sie vor ihrer Wohnung in Oberkassel absetzte, „ich müsste mir vielleicht doch wieder ein Auto kaufen.“
Daraus wird wohl nichts werden, dachte Ruth, zu viele „Piccolöchen“ und „Likörchen“.Ab ging’s nach Hause.
Noch am selben Abend beschloss Ruth dann, ihre Aufgabe in Angriff zu nehmen. Sie hatte eine Idee, wie sie zu Informationen kommen könnte.

 

 Bedrohungen

Schon am Dienstag nach den Osterfeiertagen zog es Ruth zurück nach Hause. Zusammen mit vielen anderen, so dass sie fast zwei Stunden brauchte, bis sie ihren Smart abstellen und in ihre Wohnung gehen konnte. Erst mal eine Tasse Kaffee, dann schnell den Koffer ausgepackt und in den Keller damit. Sie rollte ihn den Flur entlang zum Gemeinschaftskeller Nummer zehn und öffnete die schwere Eisentür. Der gesamte Keller war in einzelne kleine unterteilt, benannt mit der Wohnungsnummer. Weil der Lichtknopf mit einer Gummihülle geschützt war, ging das Licht wie immer nur schwer an. Mit einem Krachen schloss sich die Tür hinter ihr.
Den Koffer rollte Ruth in eine Ecke ihres Kellerverschlags. Sie fing an, in den restlichen Umzugskartons nach einem Tablett zu suchen, das sie selbst früher mal bunt bemalt hatte.
Plötzlich Dunkelheit. Sie hört, dass die schwere Eisentür zuschlägt. Das Licht kaputt, der Knopf rausgesprungen? Aber wer kam rein, wer ging raus? Zu hören ist nichts. Leichte Panik. Soll ich rufen? Falls, nein, wenn Zurlinden im Raum ist? Was dann? Lacht da jemand? In ihren Ohren braust es. Verdammt. Was nun?
Ruth stand da, wie sagt man – versteinert. So fühlte sie sich, festgewachsen auf dem kalten Boden des Kellers. Es war niemand rausgegangen, den hätte sie sehen müssen, der Keller war klein. Also war Zurlinden reingekommen und hatte das Licht ausgemacht.
Ich werde nicht rufen, der würde sich freuen, dass er mich verschreckt hat.
Die Taschenlampe! Liegt auf dem Regal, zwei Schritte nur. Bitte kein leerer Akku. Nein, kein leerer Akku, Licht, wenn auch nur ein kleines. Die schwere Eisentür klappt ein weiteres Mal zu.
Wieder saust der Schmerz ihren Rücken entlang, alle Nerven zittern. Verdammt, verdammt, verdammt.
Woher wusste der, dass sie zurück war? Na ja, für einen Nachbarn war das nicht zu überhören gewesen. Der hatte ihr also aufgelauert. Verdammt. Ruth ließ Tablett Tablett sein und verließ den Keller. Auch hinter ihr knallte die Kellertür zu, ein scheußliches Geräusch. Auf dem Flur war niemand zu sehen, was nichts heißen wollte, überall gab es Türen und Ecken, hinter denen man verschwinden konnte. Ruth bemühte sich, energisch aufzutreten, fast hätte sie gepfiffen, das Pfeifen im Wald, aber das hätte nur ihre Angst verraten.

Nicht mal in ihrer Wohnung fühlte sich Ruth in Sicherheit. Der Kerl wohnte gleich nebenan. Fang bloß nicht an, dir jetzt etwas auszumalen. Nette Spielchen zusammen mit Eveline, aber wenn man allein Wand an Wand mit einem echten Mörder saß …
Aber nicht nur die äußere Situation war unerfreulich. Wenn Ruth es recht bedachte, so war sie seit einiger Zeit ausgesprochen unehrlich geworden. Hier eine Halbwahrheit, dort eine Lüge, neugierige Fragen. Familiengeheimnisse erforschen oder Freizeitvergnügen ausspähen, die sie nichts angehen sollten. Auch ihre Telefonate mit Eveline sparten gewisse Themen aus. Spontan und offen redete sie mit niemandem mehr. Wie konnte sie da nur wieder heraus kommen?
Erst einmal raus auf den Balkon und tief Luft geholt. Langsam entspannte sich Ruth und kam sogar zu dem Ergebnis, dass da schließlich ebenso ein anderer Hausbewohner sich mit Lichtknopf und Tür geirrt haben konnte.

 

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